Die Entfremdung des Programmierers von seiner Arbeit (II)
Durch die Einführung von künstlicher Intelligenz (KI) in die Softwareentwicklung durchläuft dieser Beruf gerade einen grundsätzlichen Wandel. Im Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung steht dabei der enorme Zuwachs an Geschwindigkeit und Output, gleichzeitig werden aber auch Veränderungen auf der persönlichen Ebene sichtbar. Immer mehr Softwareentwickler berichten von einem Gefühl der Entfremdung von ihrem Beruf.
Da dieser Begriff mehrdeutig ist, zuerst eine kleine Differenzierung: mit Entfremdung ist hier nicht gemeint, dass durch die Auslagerung der Entwicklung an die KI Übung und damit auch Wissen verlorengehen (selbst wenn auch das immer wieder berichtet wird), sondern, dass der Beruf nicht mehr als etwas Vertrautes und in allen Aspekten Verständliches empfunden wird, sondern als etwas zunehmend Fremdes. Ein Phänomen das in anderen Berufen schon vor langer Zeit beobachtet wurde.
Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihn als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. [...] Ja, die Arbeit selbst wird zu einem Gegenstand, dessen er nur mit der größten Anstrengung und mit den unregelmäßigsten Unterbrechungen sich bemächtigen kann.
Was hier von keinem geringeren als Karl Marx formuliert wird ist das Schicksal aller Menschen, deren Arbeit sich durch Aufgabenteilung und Automatisierung verändert. Der eigene Anteil wird immer fragmentierter und immer abstrakter, und das Interesse am Arbeitsgegenstand, das in der Regel ja die Ursache der Berufswahl war, wird immer weniger befriedigt. Selbst wenn es faktisch zu Steigerungen der Produktivität kommt, der Grad der Erfüllung sinkt.
In der Softwareentwicklung ist dieser Phänomen noch einmal ausgeprägter. Bereits vor der Einführung von KI war er durch einen hohen Grad an Abstraktion und eine geringe Fassbarkeit vieler Ergebnisse geprägt, so dass es Entfremdungs-Phänomene auf einem niedrigeren Niveau schon lange gegeben hat. Mit den neuen Arbeitsweisen, die im Wesentlichen daraus bestehen, einem Chatbot Arbeitsaufträge zu geben, steigert sich das noch einmal deutlich.
Wie auch in anderen Berufen ist das bedauerlich, wird sich aber nicht wieder vollständig zurückdrehen lassen, dafür sind die Vorteile der KI-gestützten Softwareentwicklung zu offensichtlich. Was sich aber immer wieder beachten lässt ist der Versuch, sich einen direkteren Zugang zu bewahren, in dem in bestimmten Zeitfenstern oder für einen Bestimmten Anteil der Arbeit wieder selbst entwickelt wird (was nebenbei auch einem schleichenden Verlernen von Praktiken und Techniken entgegenwirkt).
Da es sich um eine relativ neue Entwicklung handelt, ist noch nicht absehbar in welchem Ausmass sie langfristig zu einem Problem werden wird, als Pointe kann man aber bereits jetzt festhalten, dass die Nutzung künstlicher Intelligenz beim jeweiligen Anwender auch emotionale Intelligenz erfordert, wenn er nicht von den Entfremdungsphänomenen frustriert und demotiviert werden will. Wer (ausser Karl Marx) hätte das gedacht?
