Dienstag, 22. September 2026

Einbetonieren von Veränderungen

Zu den vielen Herausforderungen des Change Managements gehört es, die herbeigeführten Veränderungen auch dauerhaft zu verankern. Idealerweise geschieht das dadurch, dass alle Beteiligten den Sinn in ihnen erkennen und sie von sich aus beibehalten wollen. Was kann man aber für die Beibehaltung tun, wenn das nicht der Fall ist, und die Betroffenen die Veränderung wieder loswerden wollen? Nun, ein Beispiel dafür kann man gerade in meiner Heimatstadt Bonn beobachten.


Für diese Anekdote muss man verstehen, dass hier seit einiger Zeit bei jeder Wahl die jeweilige Stadtregierung abgewählt wird und stattdessen die bisherige Opposition an die Macht kommt. Und da die beiden grossen Lager (die bürgerlichen und die linken Parteien) vor allem beim Verkehr diametral unterschiedlicher Meinung sind, wird jedesmal ein Teil der Massnahmen der jeweils letzten Stadtregierung wieder rückgängig gemacht.


Auch der zuletzt gewählte CDU-Oberbürgermeister ist vor allem mit dem Versprechen angetreten, die von seiner grünen Amtsvorgängerin eingeführten verkehrsbehindernden Massnahmen, mit denen verhindert werden solllte, dass die Menschen mit dem Auto in die Stadt fahren, wieder rückgängig zu machen. Dazu gehörte vor allem der Rückbau der neu angelegten extrem breiten Fahrradspuren, durch die mehrere Hauptstrassen für die Autos nur noch einspurig befahrbar waren.


Das erwies sich aber schwerer als gedacht - durch das Aufbringen von einer roten Schicht auf dem Asphalt waren die Radwege derartig markant von der eigentlichen Strasse abgehoben, dass die neue, wieder zweispurige Strassenführung mit schmalerem Radstreifen nicht gut erkennbar war. Wie man der Lokalzeitung entnehmen kann waren viele Autofahrer so irritiert, dass sie sich nicht trauten, ihre neuen Spuren zu nutzen - jetzt muss die rote Schicht abgefräst werden, was teuer wird und lange dauert.


Auch an anderen Stellen wurde durch gezielte Baumassnahmen verhindert, dass der ursprüngliche Verkehrsfluss einfach wiederhergestellt werden konnte. Neben dem Busbahnhof wurde beispielsweise ein Bürgersteig auf die bis dahin zweispurige Cityring-Strasse gebaut und genau auf diese Stelle eine überdachte Wartebank gesetzt. Ein Rückbau würde an dieser Stelle schweres Gerät erfordern und ebenfalls langwierig und teuer werden.



Was hier gemacht wurde entspricht wortwörtlich einem Vorgehen, das man umgangssprachlich das "Einbetonieren von Veränderungen" nennt. Es wird vor allem dort angewandt, wo die Treiber dieser Veränderungen befürchten müssen, die Entscheidungsgewalt zeitnah an Gruppen mit anderen Interessen zu verlieren. Durch Massnahmen, die eim Rückgängigmachen der Veränderungen verteuern, aufwändig machen und lange dauern lassen, wird dann versucht, dieses zu behindern.


Das Beispiel aus Bonn ist ein besonders offensichtliches für das Einbetonieren von Veränderungen, es gibt aber auch zahlreiche weitere, die man vor allem in grossen Organisationen und Behörden vorfinden kann. Ein Klassiker ist etwa das Verankern einer Veränderung in formalen Regeln wie z.B. einer Betriebsvereinbarung, wodurch sie sich nur noch im Rahmen eines formalisierten und langwierigen Prozesses gemeinsam von Management und Betriebsrat modifizieren lässt.


Auch das Zusammenlegen, Aufteilen, Neuschaffen, Auflösen oder Auslagern von Organisationseinheiten, die mit bestimmten Zwecken verbundenen sind, ist häufig anzutreffen. In solchen Fällen würde ein Rückgängigmachen Versetzungen, Entlassungen, (Wieder-)Einstellungen oder Arbeitsvertrags-Änderungen erfordern - der damit verbundene Aufwand wird von vielen Entscheidungsträgern so sehr gescheut, dass sie lieber nichts tun.


Zuletzt ist auch die Einführung prozessbegleitender Software ein probater "Beton", vor allem dann, wenn es sich bei genauerer Betrachtung um eine Prozess-erzwingende oder -verhindernde Software handelt. "Dafür gibt es in SAP kein Feld" oder "das kann Jira nicht darstellen" sind verblüffend mächtige Argumente, wenn begründet werden muss, warum Vorschriften und Abläufe nicht wieder auf einen früheren Zustand zurückgesetzt werden können.


Um Missverständnissen vorzubeugen: ich sympathisiere nicht mit dem Einbetonieren von Veränderungen, und ich würde es auch niemandem raten - selbst dann nicht, wenn damit etwas "geschützt" werden soll, das ich für richtig halte. Da es aber eine weit verbreitete Praktik ist, macht es Sinn, sie beim Namen zu nennen. Und sei es auch nur um einen Aufhänger für ein Gespräch darüber zu bekommen, was man stattdessen tun könnte um Veränderungen dauerhaft zu verankern.


Nachtrag:

Eigentlich geht es mir hier um ein Antipattern im Change Management und nicht um die Spezifika des Fahrradspurenbaus. Da mir mittlerweile aber mehrfach gesagt wurde, diese Spuren müssten immer Rot sein, oder stadtweit einheitlich sein - das kann nicht stimmen, auch in Bonn gibt es einige, die nur mit den leicht zu entfernenden weissen Streifen markiert sind. Übrigens auch von der grünen Oberbürgermeisterin gebaut, wie hier an der Oxfordstrasse:




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