Montag, 4. April 2016

Von der Agilität im Kriege

FS
Bild: Wikimedia Commons/Vernet/Swebach - Public Domain
Agilität mag (auf Organisationslehre bezogen) ein relativ neuer Begriff sein, seine Vorformen reichen allerdings deutlich weiter zurück. Zu den bedeutendsten Vordenkern zählt dabei der preußisch-russische General Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (1780 - 1831), der in seinem Hauptwerk Vom Kriege bereits wichtige Aspekte des heutigen agilen Projektmanagements behandelte. Hintergrund waren allerdings noch nicht die Organisations- oder Produktentwicklung sondern die Kriegsführung und der Versuch diese beherrschbar zu machen. Neben verschiedenen militärspezifischen Begriffen sind dabei vor allem zwei zentrale Problemstellungen von Bedeutung, die unter anderen Namen bis heute weiterbestehen: die Friktionen und der Nebel des Krieges.

Friktionen
Unter Friktionen (Brüchen) verstand Clausewitz jegliche Abweichungen der Realität vom ursprünglich gedachten Plan, die dessen Durchführung erschwerten oder unmöglich machten.
So stimmt sich im Kriege durch den Einfluß unzähliger kleiner Umstände, die auf dem Papier nie gehörig in Betrachtung kommen können, alles herab, und man bleibt weit hinter dem Ziel. Diese entsetzliche Friktion, die sich nicht wie in der Mechanik auf wenig Punkte konzentrieren läßt, ist deswegen überall im Kontakt mit dem Zufall und bringt dann Erscheinungen hervor, die sich gar nicht berechnen lassen.
Clausewitz, vom Kriege
Wichtig für das Verständnis dieses Konzepts ist es, dass es sich bei Friktionen nicht um wenige große, sondern um viele kleine Ereignisse handelt, etwa um Verkehrsunfälle durch die einzelne Verbände plötzlich unbeweglich werden oder um lokale Wetterumschwünge durch die das Schießpulver feucht und unbrauchbar wird. Durch diese Vielzahl und Kleinteiligkeit wird nicht nur die Planung erschwert, auch Korrekturmaßnahmen sind schwierig, was mit dem zweiten großen Problem zusammenhängt:

Der Nebel des Krieges
Dieser etwas ungewöhnliche Begriff ließe sich am ehesten mit Kontrollverlust übersetzen: Der Kriegsverlauf ist weder überall gleichzeitig einzusehen noch überall gleichzeitig zu kontrollieren.
Der Krieg ist das Gebiet der Ungewißheit; drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit. [...] Diese Schwierigkeit ist nicht unbedeutend bei den ersten Entwürfen, die auf dem Zimmer und noch außer der eigentlichen Kriegssphäre gemacht werden, aber unendlich größer ist sie da, wo im Getümmel des Krieges selbst eine Nachricht die andere drängt.
Clausewitz, vom Kriege
Ursache für diesen "Nebel" sind neben der fehlenden Einsehbarkeit und Kontrollierbarkeit vor allem zwei weitere Faktoren: die Volatilität (ist die Situation heute noch immer vergleichbar mit der von gestern?) und die Gleichzeitigkeit (alle Truppenteile geben ständig neue Zwischenstände durch, die sich in Summe kaum noch überblicken lassen).

Die zentrale Erkenntnis von Clausewitz war, dass durch die Friktionen und den Nebel des Krieges sämtliche Pläne bereits nach kurzer Zeit nicht mehr zu gebrauchen sind und angepasst werden müssen. Diese Anpassungen waren für ihn allerdings mit Risiken verbunden: eine umfangreiche Neuplanung wäre zu langwierig umd zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung bereits wieder überholt. Und zu häufige und nicht aufeinander abgestimmte Anpassungen können in Unordnung und Chaos führen. Um dem entgegenzuwirken setzte er auf zwei Eigenschaften, die er bei jedem Anführer für zwingend erforderlich hielt - Geistesgegenwart und Beharrlichkeit.

Geistesgegenwart
Für Clausewitz war Geistesgegenwart die auf Intelligenz und Entschlossenheit beruhende Fähigkeit, geänderte Rahmenbedingungen schnell zu erkennen und auf sie zu reagieren.
Bei dem coup d'oeil [dem Verstand, der auch in dieser gesteigerten Dunkelheit nicht ohne einige Spuren des inneren Lichts ist] und der Entschlossenheit liegt es uns ganz nahe, von der damit verwandten Geistesgegenwart zu reden, die in einem Gebiete des Unerwarteten, wie der Krieg ist, eine große Rolle spielen muß; denn sie ist ja nichts als eine gesteigerte Besiegung des Unerwarteten.
Clausewitz, vom Kriege
In heutigem Verständnis ist das, was Clausewitz unter Geistesgegenwart verstanden hat, im Wesentlichen identisch mit Agilität. Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch, dass er sein Geistesgegenwarts-Konzept bereits als empirisch und datengetrieben beschrieb. Oder mit seinen Worten: "so wird das wirklich Vorhandene die Daten abgeben für das Unbekannte, zu Erwartende, was gefunden werden soll." Damit war er wesentlich fortschrittlicher als andere Anführer seiner Zeit, die sich noch weitgehend von "Genie" oder "Intuition" leiten ließen.

Beharrlichkeit
Der Beharrlichkeits-Begriff von Clausewitz enthält die modernen Begriffe Fokus und Vision. Durch Beharrlichkeit soll verhindert werden, dass Anpassungen beliebig vorgenommen werden.
Im Kriege mehr als irgendwo sonst in der Welt kommen die Dinge anders, als man sich es gedacht hat, und sehen in der Nähe anders aus als in der Entfernung. [...] Wer diesen Eindrücken nachgeben wollte, würde keine seiner Unternehmungen durchführen, und darum ist die Beharrlichkeit in dem gefaßten Vorsatz, so lange nicht die entschiedensten Gründe dagegen eintreten, ein sehr notwendiges Gegengewicht.
Clausewitz, vom Kriege
Wichtig an dieser Stelle ist der Einschub im letzten Satz, "so lange nicht die entschiedensten Gründe dagegen eintreten ...". Durch ihn grenzt er die Beharrlichkeit ab vom Methodismus (auch diesen Begriff definiert er in Vom Kriege), der immer dem selben Muster folgt. Beharrlichkeit tut das dagegen nur so lange wie es Sinn ergibt, weshalb auch sie einem datengetriebenen Anpassungs-Ansatz unterliegen muss.

Mit seinen Konzepten der Friktionen, des Nebels des Krieges, der Geistesgegenwart und der Beharrlichkeit hat Clausewitz also zentrale Aufgabenstellungen und Lösungsansätze der agilen Vorgehensmodelle vorweggenommen. Dass das heute nicht (mehr) bekannt ist, ist bedauerlich, aber erklärbar. Es dürfte zum einen an seiner aus heutiger Sicht umständlichen Sprache liegen und zum anderen an der Abkehr Deutschlands von seinen militärischen Traditionen. Wer sich davon nicht abhalten lässt kann sich allerdings einige interessante Inspiratonen an einer Stelle holen, an der man sie normalerweise nicht erwarten würde.
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