Freitag, 28. Mai 2021

2001 Agile vs 2021 Agile

Grafik: Pixabay / Bytrangle - CC0 1.0

Während der letzten Monate ist Jeff Patton, einer der bekannten Vordenker der agilen Bewegung, in zwei Podcasts zu Gast gewesen die ich zufällig kurz nacheinander gehört habe (nachzuhören hier und hier). Unter seinen vielen anregenden Denkanstössen stach in beiden Auftritten einer heraus: in Pattons Wahrnehmung haben wir heute ein anderes Verständnis von Agilität als die Verfasser des Manifests für agile Softwareentwicklung vor 20 Jahren, denen wir den Begriff immerhin verdanken.


Das ist insofern bemerkenswert, da das agile Manifest eigentlich als zeitlos gültiges Dokument konzipiert wurde und von seinen Verfassern und dem überwiegenden Teil der "agilen Bewegung" auch bis heute noch so gesehen wird. Patton vertritt hier also eine Minderheits-Meinung, wenn auch eine die er gut begründen kann. Und angesichts seiner anerkannten Verdienste und Expertise ist diese Meinung eine nähere Betrachtung wert.


Ein zentraler Unterschied zwischen den Verständnissen von 2001 und von 2021 den er sieht ist die unterschiedliche Bedeutung von Product Discovery, Outcome-Orientierung und Erfolgsmessung. Seiner Auffassung nach spielten diese schon im New New Product Development Game vorhandenen Konzepte auf der legendären "Leightweight Methods Conference" in Snowbird/Utah keine Rolle, während sie heute aus agiler Produktentwicklung nicht mehr wegzudenken sind.


Was er dagegen im agilen Manifest noch sehr stark wahrnimmt ist eine Betonung des Delivery-Aspekts, die er an den Formulierungen "deliver working software frequently" und "working software is the primary measure of progress" festmacht. Die Ursache dafür sieht er in den Berufen der Verfasser des agilen Manifests, bei denen es sich grossteils um externe Berater und Entwickler handelte, deren Beruf weniger aus Produktinnovation und mehr aus der Umsetzung von Kundenaufträgen bestand.


Ein dritter Unterschied liegt für ihn im technischen Fortschritt begründet - 2001 wurde Software noch auf CDs und DVDs verschickt und war nach dem Absenden für die Entwickler nicht mehr erreichbar, diese mussten also möglichst perfektionistisch arbeiten. Abweichend davon machen die heute durchführbaren Updates über das Internet es möglich auch frühe und noch unperfekte Versionen auszuliefern und sie im laufenden Betrieb kontinuierlich zu optimieren und zu erweitern.


Soviel zu Pattons zentralen Punkten, jetzt zur eigentlich interessanten Frage - hat er recht? Die nicht ganz befriedigende Antwort: in gewisser Weise schon, je nach Sichtweise aber auch nicht. Er hat recht damit, dass Product Discovery, Outcome-Orientierung, Erfolgsmessung und Continuous Delivery im Manifest für agile Softwareentwicklung nicht explizit genannt werden. Aber - wenn man es möchte lassen sie sich implizit aus den anderen Punkten ableiten, z.B. Continuous Delivery aus dem "Constant Pace".


Vielleicht ist aber auch gerade das eine Besonderheit dieses Dokuments: obwohl sich die Nutzergewohnheiten, Produktlebenszyklen und technischen Rahmenbedingungen über die letzten 20 Jahre deutlich verändert haben lässt es sich für jeden Zeitpunkt dieser Spanne so interpretieren, dass eine für diesen Moment passende Interpretation von Agilität entsteht. Damit wäre es also doch zeitlos (was Pattons Denkanstösse übrigens nicht weniger wertvoll macht).


Nachtrag:

Zum Thema Agile 2001 vs Agile 2021 passt auch diese Äusserung von Ron Jeffries, einem der Unterzeichner des Manifests:

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