Montag, 3. Mai 2021

Das Remote-Produktivitäts-Paradox

Startup Stock Photos/Eric Bailey - CC0 1.0

Was die Auswirkungen von vermehrter oder sogar vollständiger Heimarbeit auf die Produktivität eines Unternehmens sind ist ein umstrittenes Thema. Bedingt durch die Vielzahl der verschiedenen einwirkenden Faktoren ist es schwer möglich zu sagen welche Effekte auf den Arbeitsort zurückgehen und welche auf begleitende Umstände wie z.B. die Corona-Pandemie 2020/2021. Praktisch alle Studien sind daher mit Vorsicht zu lesen.


Was wissenschaftliche Untersuchungen auch in diesem Umfeld können ist aber das Aufzeigen von Auffälligkeiten und scheinbaren Inkonsistenzen in den gesammelten Daten, die die Ausgangslage für weitere Nachforschungen bilden können. Ein aktueller derartiger Fall ist eine Metastudie der Deutschen Bank, deren Verfasser auf etwas gestossen sind das sie das "Produktivitäts-Paradox" nennen - obwohl sich die Angestellten im Home Office produktiv fühlen geht aus der Sicht ihrer Firmen die Produktivität im Vergleich zur Präsenzarbeit zurück.


Die Ursache für diese Diskrepanz dürfte erst mit weiteren Studien zu erklären sein, bis diese verfügbar sind lassen sich aber zumindest anhand anekdotischer Evidenz erklärende Hypothesen formulieren. Eine die ich aufgrund der Erfahrungen in mehreren Firmen für vielversprechend halte ist dabei diese: die unterschiedliche Wahrnehmung der Heimarbeits-Produktivität durch Angestelle und Firmen geht stark darauf zurück, dass die beiden Gruppen ein unterschiedliches Verständnis davon haben was Produktivität überhaupt ist.


Aus Angestellten-Perspektive wird Produktivität häufig gleichgesetzt mit der Menge an Zeit die für die Arbeit zur Verfügung steht. Da das Wegfallen der Abeitswege zum und im Büro (und umgekehrt die kurzen Wege in der eigenen Wohnung) dazu führen, dass mehr Zeit am Schreibtisch verbracht wird, kann sich das produktiver anfühlen. Verstärkt wird dieses dadurch, dass keine Kollegen im Raum sitzen von denen man von Aufgaben abgelenkt wird. Man hat nicht nur mehr Zeit, man erledigt auch mehr.


Auf der anderen Seite ist aus Firmensicht wichtiger, dass in der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit nicht nur Aufgaben erledigt werden sondern auch ein Ergebnis erzielt wird. Dass die Angestellten ausreichend Zeit zum Arbeiten haben und viele Aufträge erledigen ist zwar wichtig, wenn dabei aber keine (oder zu wenige) Produkte erzeugt oder Geschäftsprozesse erledigt werden geht das am Ziel vorbei. Produktivität entspricht in dieser Perspektive dem effektiven Einsatz von Zeit und Mitteln.


Wie diese abweichenden Verständnisse in der Realität entstehen können zeigt eine weitere Studie aus dem Jahr 2020: in 50 untersuchten IT-Teams führte die in der Corona-Pandemie eingeführte Heimarbeit dazu, dass zwar mehr Code geschrieben wurde (die Entwickler schafften es also viele Aufgaben zu erledigen), gleichzeitig war dieser aber in gesteigertem Ausmass fehlerhaft oder am Bedarf vorbei entwickelt (aus Firmensicht wurden also Zeit und Mittel ineffektiv genutzt).


Was die Verfasser als Ursache ausmachten würde auch ich aus meiner Erfahrung bestätigen: gerade das was aus individueller Perspektive als produktiver empfunden werden kann (vereinfacht gesagt: mehr Zeit alleine vor dem Computer) führt aus systemischer Perspektive dazu, dass die Produktivität zurückgeht, da informeller oder impliziter Informationsaustausch, spontane Reviews, Pair Programming und ähnliche effektivitätsfördernde Praktiken zurückgehen und nur schwer wieder zu etablieren sind.


Wie oben gesagt, verlässliche Daten gibt es noch nicht, sowohl die Studien als auch meine Erfahrungen sind eher Indikatoren als fertige Erkenntnisse. Zumindest sind sie aber ein erster Erklär-Ansatz für das Remote-Produktivitäts-Paradox, also dafür dass sich manche Menschen im Homeoffice produktiver fühlen als sie sind.

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