Donnerstag, 4. November 2021

The agile Bookshelf: Cultish

Bild: Pxfuel - CC0 1.0

Ein Wort der Warnung vorweg: das hier ist ein düsteres Buch. In dem schlicht Cultish genannten Werk von Amanda Montell (hier geht es zu ihrer Website) geht es um Selbstmord-Sekten, Pyramidenspiele, Fitness-Besessenheit und um Fans im wahrsten Wortsinn (Fanatiker die ihrem Idol bedingungslos folgen, selbst wenn das nur ein Social Media-Sterchen ist). Dass all das irgendeine Gemeinsamkeit mit agilem Produkt- und Projektmanagement haben soll klingt zuerst abwegig - und doch gibt es eine.


Das was für Montell ein entscheidendes Erkennungsmerkmal eines Kults ist (egal ob es ein religiöser Kult ist oder die Anhängerschaft eines Kult-Produkts oder einer Kult-Figur) ist die Sprache. An zahlreichen Beispielen zeigt sie auf nach welchen Mustern sich diese entwickelt und immer stärker ausdifferenziert, bis zu dem Punkt an dem normale Menschen sie nicht mehr verstehen. "Kultisch" ist für sie kein Adjektiv sondern eine Sprachen-Bezeichnung, wie Spanisch oder Schwedisch.


Diese Sprache wird (oft bewusst aber häufig auch unbewusst) entwickelt um bestimmte Zwecke zu erfüllen. Einer davon ist es zum Beispiel, die eigene Bewegung cool oder mysteriös erscheinen zu lassen und damit attraktiv für Neumitglieder. Häufig dafür eingesetzte Stilmittel sind Abkürzungen und Wörter aus exotischen Sprachen, wobei beide möglichst selbstverständlich und ohne Erklärung in die tägliche Alltagssprache integriert werden.


Neben dieser Aussenwirkung entfaltet sich gleichzeitig auch eine zweite, die nach innen gerichtet ist. Die Abkürzungen und Fremdwörter als einzige zu kennen kann ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Abgrenzung nach aussen erzeugen. In der Soziologie spricht man in diesem Zusammenhang von "In Groups" und "Out Groups" wobei sich innerhalb einer In Group nochmal weitere, kleinere In Groups befinden können, mit noch exklusiverem Wortschatz.


Diese Verschachtelung hilft wiederum dabei Neumitglieder und bestehende Mitglieder möglichst lange an die eigene Gruppe zu binden. Das Entdecken und Erlernen immer neuer Fach- und Fremdbegriffe sorgt nicht nur für eine möglichst lange und intensive Beschäftigung der Angehörigen mit ihrem Kult sondern kann darüber hinaus eine spannende und informative Lernreise sein. An dieser Stelle gibt es also durchaus positive Effekte, die Grenzen zwischen Kult und Didaktik verschwimmen.


Neben diesen positiven oder neutralen Begriffen (gering ausdifferenzierte In Groups sind etwas Alltägliches, z.B. Familien und Schulklassen) stehen aber auch kritischer zu sehende, wie z.B. "Loaded Language". Dabei erhalten alltägliche Begriffe eine abwertende oder verdrehte Bedeutung die nur Eingeweihte kennen. Sowohl als (wertende) Zusatzinformation als auch als Ersatz für den bisherigen Begriffsinhalt laden sie eine scheinbar nomale Unterhaltung mit Subtext auf.


Vollends ins Negative kippt die kultische Sprache schliesslich bei den "Thought-terminating Clichés", womit Aussagen mit sehr einfacher und eindeutiger Botschaft gemeint sind die nicht bezweifelt werden können ohne dass die Gefahr besteht von den anderen Kultmitgliedern als Abtrünniger angesehen zu werden. Ein Beispiel wäre "alle wahrhaft Gläubigen erkennen, dass diese Aussage wahr ist". Das kann nicht mehr hinterfragt werden ohne den eigenen Status angreifbar zu machen.


Wer sich häufig in der agilen Community aufhält wird an dieser Stelle bereits vieles wiedererkannt haben. Selbst wenn Amanda Montell selber nicht auf die Buzzwords der agilen Frameworks und Denkschulen eingeht - die von ihr beschriebenen Phänomene (nicht nur die gerade erwähnten sondern noch viele weitere) lassen sich problemlos von den anderen Kulten hierher übertragen. Falls daran noch Zweifel bestehen - bitte, gehen wir ins Detail.


Abkürzungen und Fremdwörter? Gibt es, zu den bekannteren gehören OKRs und Kanban. In Group und Out Group? Natürlich, dass sind die agil und "klassisch" arbeitenden Menschen. In Groups in der In Group? Finden sich z.B. bei Team die nicht nur Scrum machen sondern "sogar Extreme Programming". Loaded Language? Ausserhalb der "agilen Filterblase" ist Wasserfall eine neutrale Beschreibung. Thought-terminating Clichés? Finden sich u.a. in der Zu- und Absprechung des "Agilen Mindset".


Das heisst natürlich nicht, dass alle Agilisten verblendete Fanatiker mit einer sektenartigen Sprache sind, das wäre dann doch übertrieben. Aber etwas das man aus Cultish in die "agile Alltagswelt" mitnehmen kann ist die Erkenntnis, dass fast alle dort beschriebenen Bewegungen harmlos angefangen haben, sich dann aber durch eine Wechselwirkung aus immer kultischer werdender Sprache und immer extremeren Ansichten radikalisiert haben.


Bis zu einem bestimmten Grad kann kultische Sprache noch Kommunikation effektiver machen, Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen, hip sein und sogar selbstironisch benutzt werden, bis dahin ist das auch noch völlig unproblematisch. Was bleibt ist aber die Warnung davor es nicht zu übertreiben. Selbst wenn die agile Bewegung ganz sicher nie zu einer Selbstmord-Sekte werden wird - bereits das bewusste oder unbewusste Ausgrenzen anderer Menschen wäre schon nicht mehr im Sinn der Idee.

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