Montag, 10. Januar 2022

10 Jahre #NoEstimates (II)

Bild: Wikimedia Commons / U.S. Department of Agriculture - Public Domain

Weiter geht es mit Teil 2 von "10 Jahre #NoEstimates" (hier ist Teil 1). Wie schon im ersten Teil gesagt ist diese Bewegung mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Gründung noch immer weit davon entfernt im Mainstream angekommen zu sein, alleine wegen des für viele Manager provozierenden Namens. Über den Umweg anderer Frameworks und Praktiken hat sie es aber geschafft zumindest eines ihrer Elemente in den Mainstream zu bringen. Um das soll es heute gehen.


Dazu noch einmal eine kurze Zusammenfassung des zentralen #NoEstimates-Arguments aus Tei 1: beim Grossteil der Vorhaben in der Softwareentwicklung lassen sich die nötigen Aufwände nicht seriös schätzen, da die Voraussetzungen auf deren Basis geschätzt wird sich ständig ändern. Aufgrunddessen sind derartige Schätzungen bestenfalls Indikatoren, eine Ausgangsbasis für eine Planung mit fixiertem Umfang, Zeitrahmen und Budget können sie aber nicht sein.


Auch die Annahme, dass sich eine Schätzung aufgrund von Erfahrungswerten aus vergleichbaren Vorhaben durchführen liesse, trifft leider nicht zu. Anders als in der industriellen Serienfertigung werden in der IT Produkte nur ein einziges mal erstellt, die "Auslieferung" erfolgt dann durch Herunterladen oder Aufspielen der einmal erstellen Software auf beliebig viele Geräte. Es werden also ausschliesslich Einzelanfertigungen programmiert, zur Herausbildung von Erfahrungswerten kommt es nicht.


Die gleiche Problematik tritt auch auf der operativen Ebene auf. Selbst bei relativ kleinen Arbeitspaketen lässt sich nicht zuverlässig schätzen wieviel Zeit sie in der Umsetzung benötigen werden, auch dann nicht wenn sie soweit heruntergebrochen werden, dass sie (vermutlich) in Sprints, Wochen oder Monate passen. Ob es am Ende fünf Tage dauern wird, vier oder sieben lässt sich nicht seriös sagen, auch hier ist die Unklarheit zu gross.


Was sich bei derartig kleinen Aufgaben aber (für nicht alle, aber die meisten Fälle) sagen lässt, ist lediglich ob sie überhaupt in einen Sprint oder Monat passen. In der Regel sind die Arbeitspakete auf dieser Ebene nur einige Tage in der Umsetzung, bei einem Lieferzyklus von 14 bis 20 Arbeitstagen kann man also ziemlich sicher sein, dass die Fertigstellung rechtzeitig erfolgt und sogar noch Zeit für weitere Arbeiten übriglässt. Diese Erkenntnis wurde im Januar 2012 von Vasco Duarte in #Noestimates eingebracht.


Der Schlüssel liegt in einer leichten Einschränkung der Grundidee: statt gar keine Schätzungen mehr zu machen gibt es lediglich keine Schätzungen unterhalb einer bestimmten Granulatität mehr. Wie im letzten Absatz beschrieben kann das bedeuten, dass das Umsetzungsteam nur gefragt wird ob eine Aufgabe überhaupt in einen Sprint passt. Für die sich daraus ergebenden drei Möglichkeiten Ja, Nein und Keine Ahnung gibt es sogar eigene Planning Poker-Karten.



Die Planbarkeit ergibt sich jetzt aus den an dieser Stelle doch möglichen Erfahrungswerten. Mit dem gleichbleibenden Umsetzungsteam und der gleichbleibenden Technologie liegen zwei stabilisierende Faktoren vor, die bei verschiedenen Projekten oder Produkten in der Regel fehlen, so dass die durchschnittliche Menge der in den letzten Sprints geschafften Arbeitspakete (der Durchsatz, bzw. Throughput) in der Regel auch dem entspricht was im nächsten realistisch machbar ist.


Als Nebeneffekt ist diese Variante der (Nicht-)Schätzung und Planung auch weniger manipulierbar als andere. Während Teams häufig unter Druck gesetzt werden ihre Stunden- oder Story-Point-Schätzungen "optimistischer" zu gestalten ist das bei dieser groberen Schätzung weniger möglich. Und der Durchschnittswert der in der Vergangenheit fertiggestellten Arbeit ist überhaupt nicht manipulierbar, wenn man nicht offensichtliche "Geschichtsfälschung" begehen will.


Der Ansatz ausserhalb einer groben Machbarkeit in Sprints, bzw. Monaten überhaupt keine Aufwandsschätzungen vorzunehmen und Planungen auf dem Durchsatz der jüngeren Vergangenheit basieren zu lassen findet sich mittlerweile auch ausserhalb von #NoEstimates wieder, unter anderem bei SAFe und bei der Kanban University. In gewisser Weise das Vermächtnis einer Nischen-Bewegung an den Mainstream, und ohne die provozierende Benennung auch durchaus erfolgreich.

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