Montag, 3. Januar 2022

Warum es so viele unerfahrene Scrum Master und Agile Coaches gibt

Bild: Pexels / Robert Nagy - CC0 1.0

Ich möchte eine These in den Raum stellen. Aufgrund der Erfahrung die ich in über 10 Jahren mit einer dreistelligen Anzahl von agilen Teams in Unternehmen verschiedenster Branchen und Grössen gemacht habe, aufgrund der Begegnungen auf einer ebenfalls dreistelligen Anzahl an Meetups und Konferenzen und durch den Austausch mit vielen weiteren Kollegen glaube ich: mindestens 50 Prozent aller Scrum Master, Agile Coaches und ähnlicher Rollen haben weniger als fünf Jahre relevante Berufserfahrung.1


Um es gleich zu Beginn klar zu sagen - ich glaube, dass das (wenn es denn zutreffen sollte) sowohl negative als auch positive Auswirkungen hat, von dem fehlenden Wissen wie man bestimmte Herausforderungen bewältigt auf der einen Seite bis zur Verhinderung festgefahrener Denk- und Verhaltensstrukturen auf der anderen. Darum soll es heute aber noch gar nicht gehen, sondern um die grundlegendere Frage: wie kann dieses erstaunliche Ungleichgewicht entstanden sein?


Eine erste naheliegende Erklärung wäre der Analogschluss zu den Software-Entwicklern, schliesslich arbeiten fast alle Scrum Master und Agile Coaches in der IT. Es gibt Statistiken (siehe hier, hier und hier) die darauf hindeuten, dass die Anzahl der Entwickler sich etwa alle fünf Jahre verdoppelt. Bei den anderen Rollen liegt ein vergleichbares Wachstum nahe. Die im Gesamt-Durchschnitt geringe Erfahrung der "agilen Methodenmenschen" wäre demnach eine Folge dieses starken Wachstums.


Ein zusätzlicher Faktor der die (Gesamt-)Zunahme von Erfahrung erschwert ist die in vielen Firmen vorherrschende Projekt-orientierte Organisation. Wenn nicht jedes Projekt agil aufgesetzt ist (was auch nicht immer Sinn macht) führt das in diesem Kontext übliche Springen zwischen Projekten dazu, dass die Phasen in denen relevante Erfahrungen gesammelt werden immer wieder unterbrochen werden von Phasen in denen "klassisch" gearbeitet wird und in denen sogar Wissen wieder verloren gehen kann.


Ebenfalls verstärkend kommt dazu, dass viele Produkte während ihres Lebenszyklus auch verschiedene methodische Phasen durchlaufen (mehr dazu hier). Selbst wenn Personen langfristig einem Produkt zugeordnet werden kann das bedeuten, dass nur in einem Teil dieser Zeit ein Agile- oder Scrum-Spezialist gebraucht wird. In den anderen Phasen kann sich die Rolle dann in eine andere ändern, die entweder gar keinen oder einen eher klassischen Methodenbezug hat.


Als vierter Faktor kommt dazu, dass oft in den "agilen Rollen" keine Karriere-Aufstiege möglich sind. Junior/Middle-Weight/Senior-Abstufungen gibt es eher selten und selbst wenn es sie gibt (der Aufstieg vom Scrum Master zum Agile Coach ist z.B. in manchen Firmen möglich) dann nur im Rahmen sehr flacher Hierarchien. Wer auf eine mehrstufige Karriere Wert legt wird so zwangsläufig irgendwann wieder in nicht-agilen Rollen landen.


Nicht zu vernachlässigen ist zuletzt, dass eine nicht unwesentliche Gruppe irgendwann frustriert oder ausgebrannt den Job hinschmeisst wenn spürbar wird, dass es ihrer Firma mit der agilen Transition doch nicht so ernst ist wie zu Beginn behauptet. Ein häufiger Rückzug ist in solchen Fällen der in die vorherige Rolle oder in eine die weniger im Mittelpunkt von Veränderungsprozessen steht. Ein ähnlicher Fall liegt vor wenn der Kampf gegen Cargo Cult-Scrum resignierend aufgegeben wird.


Soviel zur Ursachenforschung (man könnte sicher noch weitere Faktoren finden, dass es sie gibt dürfte aber klar geworden sein). Alle genannten Phänomene konnte ich bereits mehrfach beobachten, und selbst wenn sie schwer zu quantifizieren sind dürften sie alle zu dem Phänomen beitragen, dass Scrum Master, Agile Coaches und ähnliche Rollen über eine im Durchschnitt eher geringe relevante Berufserfahrung verfügen.


Wie zu Beginn gesagt hat das auch nicht ausschliesslich negative Folgen, selbst wenn einige unbestreitbar vorhanden sein werden (siehe z.B. hier). Zumindest sollte man sich dieses Phänomens aber bewusst sein wenn man Agile Transitionen, agil arbeitende Organisationen und die agile Community als Ganzes betrachtet. Vieles wird mit diesem Wissen im Hinterkopf anders erscheinen und gegebenenfalls anders behandelt werden müssen als zunächst gedacht.



1Ja, ich weiss, Anekdotische Evidenz. Aber mit einigen starken Indikatoren.

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