Montag, 29. Mai 2023

Loyale Opposition

Bild: Encyclopædia Britannica - OGL 3.0

Dass es in den Politikwissenschaften nennenswerte Impulse für die Agile Produktentwicklung zu holen gibt, überrascht immer wieder, bei genauerer Bertrachtung ist es aber naheliegend. Die Aufteilung und Neuverteilung von Macht (Weisungsbefugnis, Budgets, Vetorecht, etc.) ist ein politischer Prozess, sowohl in einem Land als auch in einem Unternehmen. Und damit das während einer agilen Transition nicht in Konflikten endet, bedarf es einer besonderen Einrichtung: der loyalen Opposition.


Die Idee der loyalen Opposition stammt aus Grossbritannien, genauer gesagt aus dem britischen Parlament. Ursprünglich hatten hier alle Abgeordneten, die nicht die Regierung unterstützten, unter dem Verdacht gestanden, die vorhandene Ordnung komplett abzulehnen. Dadurch, dass die Opposition sich loyal zu dieser Ordnung erklärte und nur in ihrem Rahmen anders handeln wollte, wurden potentielle Konflikte entschärft und Regierungswechsel unproblematisch.


Übertragen auf Unternehmen und agile Transitionen bedeutet das, dass bestimmte grundlegende Rahmenbedingungen und eingegangene Verpflichtungen nicht ohne weiteres abgeschafft werden dürfen, wenn Macht (Weisungsbefugnis, Budgets, Vetorecht, etc.) an andere Gruppen übergeht. Welche das sind kann von Fall zu Fall anders sein, gegebenenfalls kann es sinn machen sie explizit zu machen, so dass alle Beteiligten das gleiche Verständnis haben.


Die sich daraus ergebende erste Funktion einer solchen loyalen Opposition ist es, die Vorbehalte gegen eine neue Machtverteilung abzuschwächen. Wenn beispielsweise klar ist, dass die Gewinnerzielungs-Absicht nicht in Frage gestellt werden wird, werden Widerstände von Besitzern und Aktionärsvertretern geringer werden, und wenn klar ist, dass Qualitätsstandards und Rechtssicherheit auch weiter für wichtig gehalten werden, werden sich Rechts- und Testabteilungen leichter mit Veränderungen abfinden.1


Die zweite, häufig unterschätzte Funktion einer Loyalen Opposition ist die Bereitschaft, die nicht ohne weiteres abschaffbaren Teile der vorhandenen Ordnung nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv an ihrer Aufrechthaltung mitzuwirken. Um bei den gerade genannten Beispielen zu bleiben: eine Entwicklungseinheit, die nicht von aussen bestimmt werden will muss im Gegenzug selbst bereit sein Profitabilität, Qualitätsstandards und Rechtssicherheit zu gewährleisten.


Natürlich ist der Begriff der loyalen Opposition in den meisten Unternehmens-Kontexten nur eingeschränkt benutzbar, da er zu erklärbedürftig oder wunderlich wirken dürfte, die dahinterstehenden Ideen sind aber einfach zu erklären und sollten dafür sorgen, dass Machtverschiebungen wesentlich konfliktfreier ablaufen als in nicht derartig fundierten Veränderungen.



1Dass es tatsächlich immer wieder Bestrebungen zur Unterlaufung solcher Standards gibt, hat natürlich wenig mit der eigentlichen Agilität zu tun, ist aber durch den Sog der Addition erklärbar.

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